

| Nordwärts. Roverfahrt nach Norwegen, 1994 |
|
Bereits 1989 hatten wir Rover Norwegen besucht, damals waren wir jedoch mit dem Fahrrad "nur" von Oslo aus nach Norden bis ins Jotunheimen-Gebiet vorgestoßen, ein Gebirge mit Norwegens höchsten Bergen. Dieses Jahr hatten wir Größeres vor: Es ging uns darum, ganz Norwegen zu erfahren. Im wahrsten Sinne des Wortes. Denn diesmal wählten wir nicht das Fahrrad als Transportmittel, sondern das Auto. Nach langem Suchen wurden wir fündig und kauften einen 20 Jahre alten VW-Bus, der für sein Alter jedoch überraschend gut in Schuß war. Wir rüsteten ihn noch weiter aus, damit er die lange Fahrt problemlos überstünde; wer die Rover kennt, weiß, daß sich diese Maßnahmen nicht etwa auf eingehende Werkstadt-Untersuchung und Reparaturen beschränkte, sondern daß auch eine Stereoanlage mit satter Ausgangsleistung zur Ausrüstung eines Rovermobils gehört.
Die Fahrtroute hatten wir bewußt nur grob festgelegt, damit wir bei Bedarf sämtliche Pläne über Bord werfen konnten. Wir wußten nur, wann unsere Fähre nach Schweden ging, und daß wir in Schweden nach Norden fahren wollten, um in Norwegen an der Küste wieder nach Süden zu rollen. Und irgendwann war alles soweit: Die Schulferien fingen an, wir packten ein, und bald waren wir in Schweden.. I
In Schweden nach Norden Am frühen Abend fuhren wir immer noch, konnten die Geburt einer Straße miterleben. Doch obgleich seit drei Tagen die Sonne schien, ereilte uns das Unglück in Form eines in seinen Ausmaßen gigantischen und wahrhaft furchterregenden Planiergerätes. Dasselbe veranlaßte Theron zu einer kurzen Zuckung am Gaspedal, welche genug Energie freisetzte, um einem Auspuff, einer Nebelleuchte und der Anhängersteckdose Deformationen zuzufügen. Das meiste ließ sich wieder geradebiegen, nur bei der Nebelleuchte sahen wir uns zur Amputation gezwungen.
{mosimage}
{mospagebreak}
Nach Aufstehen und Müslifrühstück im Mückennebel fuhren wir gleich in die Innenstadt von Kiruna zurück. Da bis zum Beginn der Besichtigungstour der Eisenerzmine noch etwas Zeit war, schauten wir uns noch etwas die Stadt an. So gab es einen von Lappen betriebenen Laden, in dem neben Messern, T-Shirts und allerlei Nippes auch eine bunte Mütze, die nordschwedische Version der amerikanischen Baseball-Cap, angeboten wurde. Tille probierte sie auf, kaufte sie jedoch nicht, wohl weil er von unserem schallenden Gelächter abgeschreckt wurde.
Um 10 Uhr stiegen wir dann in den Bus, der uns zusammen mit 30 anderen Besuchern auf das Minengelände fuhr, dann in den Schacht hinein. Auf dem insgesamt 300 km langen unterirdischen Straßensystem ging’s in den Berg hinein. Unten in der Besucherecke bekamen wir einen Videofilm über die Grube gezeigt Dann demonstrierte man uns ein überdimensioniertes Bohrgerät (mit Kaffeemaschine im Führerstand) und später einen 30 t Schaufelbagger. Zuletzt eilten wir noch durchs Minenmuseum und durften etwas Eisenerz mitnehmen. Zu unserem Erstaunen erfuhren wir, daß die Besucher der Mine in einem Jahr durchschnittlich 20t Eisenerz mitnähmen.
In Kiruna informierten wir uns über die Kebnekaise-Region, ein Naturpark, der nach Schwedens höchstem Berg benannt ist, dem Kebnekaise (2117 m). Den planten wir nämlich zu erklimmen. Wir kauften noch schnell Brot und so ein und nach einem letzten Abstecher ins schöne Rathaus fuhren wir die letzten 80 km von Kiruna auf einer traumhaft schönen Straße zu einem Parkplatz am Beginn des Parks. Von dort aus ging’s nur zu Fuß oder per Hubschrauber weiter, für uns also zu Fuß. Am Bus sortierten wir unser Gepäck, nahmen nur das Nötigste mit und die Verpflegung für die Tour. Zur Stärkung gab's noch russischen Borschtsch aus der Tüte. Schmeckt nicht schlecht, aber das sieht man ihm nicht unbedingt an.
Kebnekaise-Nationalpark, Schweden Gegen 16 Uhr wanderten wir los - 19 km auf sehr groben Pfaden zur Fjellstation. Dazu brauchten wir rund 6 Stunden. Ständig kamen uns derbe Männer im Armeedreß entgegen. Von nur zwei Brotpausen unterbrochen, "rannten" (Theron) wir den Weg entlang, bis wir die Station gegen halb 11 Uhr nachts in mildem Sonnenschein erreichten. Mit gemischten Gefühlen erfuhren wir am Infostand, daß der Aufstieg zum Kebnekaise möglich sei. Wir entfernten uns noch einen Kilometer von der Station, um keine Ubernachtungsgebühr berappen zu müssen, zogen dort rasch eine Kohte hoch und kochten dann das Abendessen. Das absolute Roverglück gab’s hinterher - heißen Tee mit Milchpulver.
Alle außer Tille erwachten um 11 Uhr. Tille war schon seit 9 Uhr auf, da er, wie er meinte, nicht ewig lange schlafen könne, was ihm sofort als Willensschwäche, Inkonsequenz und mangelhafte Selbstbeherrschung ausgelegt und laut kritisiert wurde. Aber wir standen trotzdem alle auf, denn wir hatten ja noch einiges vor an diesem Tag. Der Himmel war relativ wolkenfrei, nur unser Berggipfel lag umwölkt, dazu pfiff ein frisches Windchen, 10° C. Wir frühstückten Aldis Powermüsli und nahmen dann alles aus den Rucksäcken heraus, was wir auf dem Weg zum Gipfel nicht gebrauchen konnten. Das alles ließen wir in der Kohte zurück und machten uns an den Aufstieg. Die gesamte Tour sollte 12 Stunden dauern, 7 Std Auf- und 5 Std Abstieg.
 {mosimage} {mospagebreak} Zunächst verlief der Weg parallel zum Berg, dann ging er neben einem Wildbach steil bergan, bis das Tal in einem Kessel endete. Dort ging’s diagonal ein Schneefeld hinauf. Das alles hatte 2 Stunden in Anspruch genommen; für manche allerdings länger; Marc und Theron schleppten sich nur mit ziemlicher Mühe den Berg hinauf. Bei einigem Rückenwind gab’s erst mal eine Durchhalteschoki, dann eröffnete uns Marc, daß er zurückgehen werde. Eine kurze Verabschiedung, dann waren’s nur noch 4 wackere Gipfelstürmer, die sich den Aufstieg zum vorgelagerten Nachbarberg vornahmen. Dort trafen wir andere Bergsteiger - die es zu Häuf gab -, die gerade von "oben" kamen und uns ein "Tough trip, damned cold!" mitgaben.
Da wir ja nur auf dem Vorgipfel standen, ging’s nun wieder 200 Höhenmeter durch den Schnee hinunter, bis der Hauptgipfel zum Greifen nahe lag; für jemanden mit 600 m langen Armen zumindest Denn 600 Höhenmeter waren es schon noch, die wir auch tapfer in Angriff nahmen. Doch das Fleisch war schwächer als der ohnehin nicht mehr sonderlich starke Wille. Nach einem Drittel gab’s das letzte Müsli mit Schmelzwasser ohne Milchpulver. Ein kritischer Blick nach oben zeigte den Gipfel wolkenverhangen - die Entscheidung wurde einstimmig gefällt: Zurück.
Theron und Christian stiegen schon voran ab, während Henning und Tille sich ihre Gore Tex- bzw. Texapore-Überhosen überwarfen. Mit denen wurde es nicht nur schlagartig viel wärmer, sondern der Abstieg ging auch viel schneller - einfach aufs Schneefeld stiefeln, auf den Hintern setzen und huuiiil Schon unten! Bis wir wieder bei der Kohte waren, war es freilich 7 Uhr abends geworden, und Marc erwartete uns schon sehnsüchtig.
Nach erholsamem Schlaf schwangen wir uns gegen 9.30 aus den Schlafsäcken, brachen das Zelt ab und frühstückten beim nahegelegenen Bach Müsli mit 7° C kaltem Wasser und ohne Milchpulver. Da Therons Fuß immer einen Schritt langsamer war, zogen sich die 1,5 km zur Fjellstation etwas in die Länge. Daselbst wurde übereinstimmend die Häßlichkeit des Kebnekaise-T-Shirt-Designs festgestellt und daher lieber auf Dubbel-Daim-Riegel zurückgegriffen; Theron behandelte seinen Fuß mit Voltaren-Emulgel® und fortan schritt er uns mit einem Affenzahn zum 19 km entfernten VW-Bus voraus. Nach 4 3/4 Stunden, um 15°°, war's dann geschafft. Wir auch, allerdings richtete uns eine Buttermilch sofort wieder auf.
 {mosimage} Wir nahmen zwei deutsche Pfadfinder mit bis nach Kiruna und zogen uns dort unser Mittagessen unter akutem Platzmangel im VW-Bus rein, weil es regnete. Als Eßtisch dienten dabei von Theron organisierte Bademoden-Kataloge, die rege Nachfrage fanden. Wir beschlossen, einen regen- und mückenfreien Schlafplatz zu finden. Gegen 22.30 und nach einer Automatentankstelle fanden wir einen Schießstand, der die erste Bedingung erfüllte.
{mospagebreak}
Durch Finnland nach Norwegen Der zweiten Bedingung wurde er jedoch nicht gerecht; im Gegenteil. So kam es, daß 2 Stunden, nachdem wir uns hingelegt hatten, klägliche Hilferufe aus einem der Schlafsäcke drangen. Man konnte dies auf die Mückenkonzentration unter unserem Dach zurückführen, die beängstigende Formen annahm. Schnell packten wir alles zusammen und zwängten uns in den Bus. Dort war die Situation allerdings noch beängstigender: Die freie Sicht durch die Windschutzscheibe war von Mückenschwärmen eingeschränkt und war nur durch schnelle Fahrt + Durchzug + bordeigenen Handbesen wieder herzustellen. Überall im Bus türmten sich die Leichenberge.
Von 1.30 bis 5 Uhr fuhren wir durch, durchquerten dabei Finnland und fanden uns morgens neben einer Tankstelle in Norwegen wieder. Dort nährten wir uns an einer Nudelsuppe, aber weil es uns drängte, zum Nordkap zu gelangen, fuhren wir der Müdigkeit zum Trotz weiter. Jedenfalls eine ¾ Stunde. Dann nämlich fielen auch Tille die Augen zu, und wir zwangen uns zu einer Pause.
 {mosimage} Durch eine kalte Dose Hering in Tomatensoße gestärkt, war dann Henning bereit, uns das letzte Stück zu chauffieren. Nach dem Übersetzen zur Nordkap-Insel fuhren wir durch Europas einzige arktische Landschaft bis zum nördlichsten Zipfel. Dort war es allerdings nicht so, wie mancher Reisende vor 20 Jahren es noch erlebt hatte: Wir hatten Mühe, eine freie Stellfläche für unser Auto auf dem gebührenpflichtig en Parkgelände zu finden. Abgesehen vom traditionellen Nordkap-Foto vor dem berühmten Globus schreckten uns die anderen Turi-Attraktionen (Disco, Bar, Souvenirshop mit Elchscheiße in Plastikpyramiden) eher ab. Ausgenommen waren lediglich das "Postamt" und der Kinosaal, dessen bequemen Sitzen wir uns für einen dreiviertelstündigen Schlaf anvertrauten. Urplötzlich wurden wir von einem tosenden Multimediaspektakel auf 6 Leinwänden geweckt Noch bevor wir wußten, wie uns geschah, war die Show vorüber und wir wurden unsanft aus dem Saal geworfen. Bei Minusgraden bereiteten wir auf dem Parkplatz unser Mittagessen zu und wendeten uns dann südwärts.
Lofoten Wir fuhren via Hammerfest, Alta und Narvik die Küste entlang und fanden uns einige Tage später auf den Lofoten wieder. Die Lofoten sind ein "überschwemmtes Gebirge" (Tille) und waren uns daher als interessante Landschaft einen Zwischenstop wert Leider wurde das Vergnügen durch tiefhängende Wolken und Dauerregen so stark getrübt, daß Theron zum Lustgewinn das Angeln anfing. Und wie der Regen, so fand auch Theron kein Ende. Dafür fanden ziemlich viele Fische ihr Ende. Darunter übrigens auch drei beachtliche Dorsche. Immerhin erfuhren wir die Inselgruppe bis zur äußersten Westspitze, bis zum Ort mit dem kürzesten Namen der Welt "Å".
{mospagebreak}
Oslo und zurück Des schlechten Wetters überdrüssig, suchten wir unser Heil auf dem Festland Indem wir uns immer auf Oslo zubewegten, durchquerten wir weitere Teile des Landes, darunter auch den Jotunheimen. Dort fanden wir uns auch sofort zurecht, obgleich wir die Landschaft diesmal aus anderer Perspektive wahrnahmen. Und schon waren wir in Oslo. Wir nächtigten am Fuße des Holmenkollen (der Sprungschanze) und ergingen uns in der immer noch hübschen, doch sehr warmen Innenstadt. Dann verließen wir Norwegen und fuhren an Schwedens Schärenküste entlang nach Trelleborg, wo wir mit der Fähre wieder nach Travemünde übersetzten.
Nach einem kurzen Zwischenstopp bei Therons Omi waren wir dann frühmorgens wieder in Karlsruhe: 26 Tage, rund 10.000 km und etwa 800 l Benzin (blyfri) später. All die schönen Stunden unter Mitternachtssonne mit sirrenden Mückenschwärmen, tosenden Gebirgsbächen, zappelnden Fischen, knatternden Benzinkochern, röhrendem Genesis-Gedudel, ermüdenden Fachdiskussionen über Luftfilter, klickenden Fotoapparaten und fadem Essen werden wir nie, nie vergessen.  |